Nationale Statistiken und Schätzungen zu Menschenhandel

In Deutschland werden Fälle von Menschenhandel oder gar spezifisch Kinderhandel nicht zentral statistisch erfasst. Daher variieren die Schätzungen zum Ausmaß des Phänomens zwischen den Zahlen der Fachberatungsstellen für Opfer von Menschenhandel, die nicht zwangsläufig auch polizeilich bekannt sein müssen, und den polizeilich erfassten Fällen.

Bundeslagebild

Die einzige verlässliche deutschlandweite Statistik ist das Bundeslagebild Menschenhandel des Bundeskriminalamtes (BKA), das allerdings nur Zahlen abgeschlossener Ermittlungsverfahren erfasst. Diese belaufen sich im Jahr 2015 auf 364 Ermittlungsverfahren mit 416 Betroffenen und sind somit leicht rückläufig (392 Verfahren,  7 % weniger als 2014). Im Jahr 2015 gibt es erneut einen leichten Rückgang der Betroffenenzahlen im Bereich Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung: 416 Betroffene, vorwiegend aus Rumänien, Deutschland (97) und Bulgarien, wurden europaweit ermittelt. Die Geschlechterverteilung der Betroffenen blieb im Vergleich zum Vorjahr überwiegend unverändert.

Mit 255 Personen (2014: 266 Opfern) war mehr als die Hälfte der Opfer unter 21 Jahre alt. Der Anteil an Minderjährigen belief sich dabei auf 77 Personen (2014: 57) und ist im Vergleich zum Vorjahr um 35 % gestiegen. Es handelt sich hier fast ausschließlich um weibliche Opfer, vorwiegend betroffen von sexueller Ausbeutung in Bars, Bordells und Wohnungen. Knapp die Hälfte der minderjährigen Betroffenen stammt aus Deutschland (45 %), gefolgt von Betroffenen aus Rumänien (12 %). Bei sechs Betroffenen handelt es sich um Minderjährige im Kindesalter (< 14) (mit einer Ausnahme nur Jungen). Etwa jedes vierte minderjährige Opfer (19 Personen) wurde mittels Täuschung zur Prostitution gebracht. Hier erfolgte eine Kontaktanbahnung häufig (18 Personen, 23 %) über das Internet, z. B. mittels Messaging-Diensten, über soziale Netzwerke oder in Chats, auf vor allem von Jugendlichen genutzten Internetseiten. Zunehmend wird bei minderjährigen Betroffenen von sexueller Ausbeutung auch die sogenannte Loverboy-Methode beobachtet.

Besonders verwundbar sind auch unbegleitete Minderjährige, doch nach Angaben von Clearingshäusern und Fachberatungsstellen werden viele dieser Jugendlichen nicht polizeilich als Betroffene von Menschenhandel identifiziert. 

Europaweit stellen nigerianische Betroffene von Menschenhandel die größte Zahl an Betroffenen aus Drittstaaten (nicht EU-Staaten), gefolgt von Betroffenen aus Brasilien und China.

Die Aussagekraft von Statistiken zu Menschenhandel ist grundsätzlich in Frage zu stellen, da von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden muss und daher keine Aussagen zum tatsächliche Ausmaß des Menschenhandels möglich sind. Neu unter § 232 aufgenommene Ausbeutungsformen wie Zwang zur Bettelei oder Zwang zur Verübung von Straftaten werden im aktuellen Bundeslagebild 2015 noch nicht berücksichtigt. Um insbesondere Kinder als Betroffene von Kinderhandel zu erkennen und angemessen reagieren zu können, müssen Polizei, Justiz, die Kinder- und Jugendhilfe und das gesamte Unterstützungssystem für Minderjährige sensibilisiert sein. Auch eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit von Justiz, Behörden und NGOs sind für eine ganzheitliche Bekämpfung des Problems unumgänglich.

Bundeslagebild 2015

Bundeslagebild 2014

Bundeslagebild 2013

Bundeslagebild 2012

Bundeslagebild 2011

Bundeslagebild 2010

Polizeiliche Kriminalstatistik

Die PKS enthält die der Polizei bekannt gewordenen rechtswidrigen Straftaten. Aufgenommen wird nur die polizeilich registrierte Kriminalität (sog. "Hellfeld"-Kriminalität).

 

Zum Rückgang der Fallzahlen heißt es in der PKS: „Die von 2009 bis 2012 kontinuierlich gestiegene Anzahl der Fälle bei „sexueller Missbrauch von Kindern“ (§§ 176, 176a, 176b StGB) ist im aktuellen Berichtsjahr – wie bereits 2013 und 2014 - wieder leicht rückläufig (-2,7 Prozent auf 11.808 Fälle). In diesem Deliktsbereich muss nach wie vor von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden.“

PKS 2015