Drei Fragen zu Kinderschutz in Indonesien

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Drei Fragen zu Kinderschutz in Indonesien

ECPAT Deutschland im Gespräch mit Yuliati Umrah, der Geschäftsführerin der Stiftung Arek Lintang, zu Kinderschutz in ihrer Heimat Indonesien. ALIT ist Mitglied des ECPAT Netzwerkes und Gründer der Koalition „Stop Child Abuse“ gegen sexualisierte Gewalt an Kindern. Die Koalition ist inzwischen in zwölf indonesischen Städten mit 36 NGOs, Repräsentanten der katholischen Kirche und Universitäten vertreten. Einer ihrer größten Erfolge war die Durchsetzung des internationalen Welttags gegen Kindesmissbrauch auch in Indonesien, dessen Begehung der indonesische Präsident Joko Widodo auf Druck der Koalition hin ausgerufen hat. Die Arbeit von ALIT wird durch das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, Vorstandsmitglied von ECPAT Deutschland, unterstützt.

ECPAT: Welches sind die drängendsten Fragen des Kinderschutzes in Indonesien?

Umrah: In der indonesischen Gesellschaft ist die Vorstellung weit verbreitet, dass sich Disziplin bei Kindern nur durch den Einsatz von körperlicher Bestrafung durchsetzen lässt. Kinder werden in Familie und Schule geschlagen. Viele Eltern betrachten ihre Kinder ganz generell als ihr Eigentum, mit dem sie tun und lassen können, was sie wollen. Dazu gehört auch sexualisierte Gewalt. Zwar wurde 2014 das nationale Kinderschutzgesetz reformiert, doch an der Umsetzung hapert es. In die bewaffneten Konflikte im Osten des Landes sind auch Kinder als Soldaten involviert. Und laut Schätzungen des Indonesischen Arbeitsministeriums aus dem Jahr 2015 befinden sich über eine Million Kindern in ausbeuterischen oder schädigenden Arbeitsverhältnissen, z.B. auf Tabakplantagen, als Straßenverkäufer und auch in der sexuellen Ausbeutung.

ECPAT: Jedes Jahr führen wir in touristischen Destinationen Workshops zu Kinderschutz mit der Tourismusbranche durch. Dieses Jahr gehen wir dafür nach Bali. Wie schätzen Sie die Situation zu sexueller Ausbeutung von Kindern in Indonesien ein?

Umrah: Es gibt viele bekannte hot spots, wie Sanur und Kuta auf der Insel Bali, die als Zentren für billigen Sex gelten. Vor allem ausländische Sextouristen nutzen dort die sog. „Drei-Stunden-Hotels“. Leider fallen diesem Geschäft auch Minderjährige zum Opfer. Eine andere Form ist das, was gemeinhin als Halal travel bekannt ist: Schulmädchen werden für Männer aus den Golfstaaten rekrutiert. Da sehen wir zunehmend die Inseln Flores und Lombok als Zielgebiete, in denen die sexuelle Ausbeutung stattfindet. Ein großes Tabu herrscht um Jungen als Betroffene. Da müssen wir gesamtgesellschaftlich noch viel tun.

ECPAT: Welche Rolle kann Religion beim Kinderschutz spielen?

Umrah: Indonesien ist ein multiethnisches Land, in dem vor allem vier große Religionen gelebt werden: Der Islam, das Christentum, der Hinduismus und der Buddhismus. Die Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch. Leider haben wir zunehmend Probleme mit gewaltbereiten Fanatikern, die im Namen des Islams versuchen, Intoleranz zu schüren, wie die Anschläge auf katholische Kirchen in meiner Heimatstadt Surabaya vor wenigen Monaten mal wieder traurig gezeigt haben. Unsere Kinder wachsen in diesem Umfeld auf. Doch der Kinderschutz ist ein verbindendes Element zwischen allen Religionen. Deswegen kooperieren wir eng mit der katholischen Kirche und zwei Bischöfen. Wir haben u.a. auf der Insel Flores gemeinsam „Save Play Areas“ eingerichtet, in denen Kinder spielerisch in zehn Schritten lernen, welche Rechte sie haben und wie sie diese Rechte auch einfordern können. Dieses Modell funktioniert so gut, dass es nach nur drei Jahren Laufzeit in einigen Gegenden Indonesiens ins lokale Recht (local law) Eingang finden wird.

Das Gespräch führte Dr. Dorothea Czarnecki, ECPAT Deutschland.

Von | 2018-09-04T12:23:57+00:00 September 3rd, 2018|Allgemein, News|0 Kommentare
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