Sexuelle Ausbeutung von Kindern im Ausland: Täterprofile, Trends und Prävention
Einblicke aus dem ECPAT „Lunch & Learn"-Webinar vom 25. März 2026
Mit Dr. Anneke Koning, Kriminologin und Assistenz-Professorin an der Freien Universität Amsterdam, Carlota Harmsen, Koordinatorin für Kinderschutz im Tourismus und Antje Monshausen (Moderation), beide von ECPAT Deutschland e.V.
Täterprofile im Fokus: Erkenntnisse aus den Niederlanden
Im Rahmen des ersten Fachvortrags stellte Anneke Koning Ergebnisse einer aktuelle Studie zum Sexualverhalten von niederländischen Männern vor. Frauen wurden im Rahmen der Studie nicht befragt. Im Fokus der repräsentativen Befragung mit mehr als 9.000 Männern standen Angaben zu sexuellen Kontakten mit Minderjährigen, sowohl in den Niederlanden, im Ausland als auch im digitalen Raum durch Live-Streams. Die Studie ist eine der bislang umfassendsten Datengrundlagen zur sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen im Ausland und wirft damit ein Schlaglicht auf ein Phänomen mit einem riesigen Dunkelfeld. Im Vergleich zur Prävalenz kommen nur extrem wenige Fälle zur Anzeige und münden in Strafermittlungen.
Prävalenz: Schätzungen zufolge haben zwischen 131.000 und 171.000 Männer (das entspricht ca. 2,3 Prozent der männlichen Bevölkerung) in den Niederlanden mindestens einmal im Leben sexualisierte Gewalt gegen Kinder im Ausland ausgeübt. Rund zwei Drittel davon innerhalb der letzten fünf Jahre. Pro Jahr reisen demnach etwa 20.000 Männer aus den Niederlanden ins Ausland und beuten dort ein Kind sexuell aus.
Tätermerkmale: Viele Täter verfügen über ein stabiles soziales Umfeld, sind gut gebildet und leben in familiären Strukturen – mehrheitlich mit eigenen Kindern. Die meisten haben durch ihre Familien oder auch im beruflichen Kontext sowie durch ehrenamtliche Tätigkeiten Zugang zu Kindern. Das Durchschnittsalter lag bei 35 Jahren. Gleichzeitig hatten sie überrepräsentativ häufig bereits Straftaten begangen, die sich nicht ausschließlich auf sexualisierte Gewalt beschränkten. Drei Viertel der Männer, die im Ausland Kinder sexuell missbraucht hatten, gaben an, schon einmal darüber nachgedacht zu haben, sich Hilfe zu suchen.
Tatorte: Im Rahmen der Befragung wurden 55 Länder genannt, darunter sowohl europäische Nachbarländer, als auch Staaten in Asien, Afrika und Lateinamerika.
Altersstruktur der betroffenen Minderjährigen: Während Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren am häufigsten als Betroffene genannt sind, beträgt der Anteil sehr junger Kinder (unter 12 Jahre) bei Missbrauch ohne Bezahlung 44% und bei bezahlter Ausbeutung 37%. In Fällen von Live-Streaming sexueller Gewalt gaben die befragten Männer sogar an, dass 86% von ihnen Darstellungen von Kindern unter 12 Jahren konsumiert haben.
Verknüpfung zwischen Online- und Offline-Taten: Nur 14% der Männer, die angegeben haben, per Livestream Minderjährige auszubeuten, gaben an nur auf diesem digitalen Weg Kinder zu missbrauchen. Ein Großteil der Täter agiert also nicht ausschließlich digital, sondern begeht parallel auch physische Übergriffe oder reist gezielt ins Ausland.
Täter-Strategien: Erkenntnisse der deutschen Reporting-Plattform
Im zweiten Vortrag ergänzt Carlota Harmsen die quantitativen Analysen aus den Niederlanden um Beobachtungen aus Deutschland. Hierbei bezieht sie sich auf Erkenntnisse aus den Fallmeldungen der Plattform www.nicht-wegsehen.net der letzten Jahre. Die Meldeplattform wird von ECPAT Deutschland gemeinsam mit dem BKA und anderen zivilgesellschaftlichen Partnern betrieben. Im Jahr 2025 gingen neben anderen Fällen auch elf Meldungen mit konkretem Tourismusbezug ein.
Hierbei zeigen sich folgende Muster:
- Täter wählen gezielt Länder, in denen sexuelle Gewalt stark tabuisiert ist und Strafverfolgung erschwert wird.
- Häufig wird wirtschaftliche Not ausgenutzt, um Abhängigkeiten zu schaffen.
- Digitale Plattformen spielen eine zentrale Rolle bei der Anbahnung von Kontakten und der Vorbereitung von Taten.
Anhand konkreter Fallbeispiele wird deutlich, wie unterschiedlich die Erscheinungsformen sein können: Von gezielter Anwerbung im digitalen Raum oder durch soziale Arbeit mit Kindern, über die Nutzung touristischer Infrastrukturen vor Ort bis hin zu organisierter Ausbeutung durch das Geben falschen Versprechungen. Betroffen sind Länder überall auf der Welt – auch Deutschland. Ein wiederkehrendes Muster ist dabei die schrittweise Annäherung über digitale Kanäle, gefolgt von physischen Treffen. Diese Verbindung von Online- und Offline-Dynamiken stellt Präventions- und Strafverfolgungsmaßnahmen vor neue Herausforderungen.
Fazit: Gemeinsam für Kinderschutz
Die Bekämpfung sexueller Ausbeutung von Kindern erfordert ein koordiniertes Vorgehen auf allen Ebenen: Politik, Unternehmen, Zivilgesellschaft, Strafverfolgung und Wissenschaft. Bestehende Stereotypen müssen dringend in Frage gestellt werden – insbesondere mit Blick auf die Altersstruktur von Tätern. Es ist dringend geboten, die digitale und analoge Form der Ausbeutung von Kindern zusammenzudenken.
Neben Strafverfolgung sind insbesondere präventive Maßnahmen entscheidend:
- Umsetzung von Kinderschutzmaßnahmen durch den Tourismussektor (Kinderschutzkodex TheCode)
- Stärkung von Meldesystemen und Erhöhung der Bekanntheit von niedrigschwelligen Zugängen
- Forschung zur besseren Datengrundlage – auch mit Blick auf weibliche Täterinnen
- Aufklärung von Fachkräften und Öffentlichkeit
- Unterstützung und Hilfsstrukturen für betroffenen Kindern und Jugendlichen
- Psychologische Präventionsangebote für (potentielle) Täter*innen